Projekte

 

Ein Bericht über das Hilfe-zur-Selbsthilfe-Projekt FERRY – unser Partnerprojekt in Indien seit 22 Jahren

Dieses Projekt wird zurzeit finanziell unterstützt von den DIG- Zweiggesellschaften AACHEN, BOCHUM, HANNOVER, LÜBECK und WUPPERTAL.

Um einen Gesamteinblick zu vermitteln, werde ich im Zuge dieses Berichts zuerst Allgemeines über FERRY schildern und danach über die von der DIG unterstützten Projekte und meinen jüngsten Besuch bei FERRY im Februar 2008 informieren.

FERRY ist eine doppeldeutige Bezeichnung – einerseits ist sie die Abkürzung für den Stiftungsnamen „Foundation for Economic Rehabilitation of Rural Youth“ (Stiftung zur wirtschaftlichen Rehabilitation der dörflichen Jugend), andererseits bedeutet dieses englische Wort „Fähre“- eine Fähre zu einem anderen Ufer – vom Elend zum Ufer eines besseren Lebens. FERRY, eine Privatinitiative (NGO) von engagierten Indern/innen aus den verschiedensten Berufsschichten, wie Professoren, Hausfrauen, Ingenieure, Ärzte, Angestellte, Sozialarbeiter u.a., wurde 1983 gegründet. Sie ist überparteilich, überkonfessionell und staatlich als gemeinnützig anerkannt. Inzwischen hat in der FERRY- Führung eine deutliche Verjüngung stattgefunden. Erfreulicherweise haben begabte, gebildete, ideenreiche junge Leute neben ihrem Beruf oder Studium ehrenamtliche Tätigkeiten und Verantwortung innerhalb und außerhalb des Vorstandes übernommen. Das ist für FERRY lebenswichtig und gewährleistet die Kontinuität der wertvollen Arbeit, die FERRY in den letzten 25 Jahren für die ländlichen jungen Menschen geleistet hat.
FERRY’s Ziel ist aber gleich geblieben. Sie will die Landflucht von Jugendlichen aus den bengalischen Dörfern, insbesondere in die brodelnde Millionen-Metropole Kalkutta, zu mildern helfen und setzt ihre Hilfe an der Basis an: Vor Ort, in ihrem Dorf oder Nachbardorf, erhalten junge, unterprivilegierte Frauen und Männer, die in vielen Fällen unter der Armutsgrenze leben, in mehrwöchigen oder mehrmonatigen Trainingskursen eine praxisbezogene und einkommensorientierte Ausbildung. Sie lernen Berufe, Dienstleistungen bzw. Produkte herzustellen, die nach vorherigen, eingehenden Recherchen den dörflichen Gegebenheiten und Bedürfnissen von heute, aber auch der wirtschaftlichen Infrastruktur von morgen entsprechen sollen. Darin sind auch mittellose junge Witwen, verlassene Mütter und behinderte (taubstumme) Kinder einbezogen.
FERRY’s Zertifikate, die den erfolgreichen Teilnehmern der verschiedenen Ausbildungskurse ausgehändigt werden, sind inzwischen von den staatlichen Stellen und Finanzinstitutionen anerkannt und erleichtern somit den willigen und mutigen Jungunternehmern und auch Frauen die Beschaffung von Darlehen oder zinsgünstigen Krediten.
Bisher haben weit mehr als tausend junge Frauen und Männer aus den dörflichen Distrikten Hoogly, Burdwan und Birbhum in den Projektzentren – ca. 60 km, 80 km bzw. 200 km nordwestlich von Kalkutta gelegen – erfolgreich an den speziell von FERRY konzipierten Ausbildungskursen teilgenommen, und zwar für moderne angepasste Geflügelhaltung, Schneiderinnen / Maschinenstrickerinnen, Krankenpflegerinnen, Tischler/Drucker, Elektriker / Elektroniker / Autoelektriker, Reparatur von Motorrollern / Motorrädern u.a.

Finanzierung der FERRY-Projekte
FERRY- Projekte werden unterschiedlich finanziert. Die Mitgliedsbeiträge und Spenden von Ferry’s Freunden und lokalen Firmen machen ein Großteil des Finanzbedarfs von Ferry aus. Zurzeit werden mehrere Projekte in den Trainingszentren Khanyan im Distrikt Hoogly und Baidyapur im Distrikt Burdwan von der kanadischen NGO „The Canada-India Village Aid (CIVA)“ finanziert; alle von der DIG unterstützten Projekte laufen in Rampurhat im Distrikt Birbhum.

Partnerschaft zwischen FERRY und DIG
Der Anfang der erfolgreichen Zusammenarbeit mit FERRY geht auf die Initiative von Frau Boie, die ehemalige Vorsitzende der Zweiggesellschaft Hannover, im Jahr 1986 zurück. Sie hat mit großem persönlichem Einsatz fast ein Jahrzehnt lang als Koordinator der DIG dieses Projekt betreut. Ich war mit unserer Zweiggesellschaft Wuppertal mit diesem Projekt sehr früh verbunden. 1996 erklärte ich mich bereit, die Betreuung des FERRY-Projektes und Pflege der projekt- begleitenden Partnerschaft seitens der DIG weiterzuführen.

Seitdem nehme ich jedes Jahr während meines privaten Indienaufenthalts als Betreuer und Koordinator seitens der DIG die Gelegenheit wahr, die Mitglieder des FERRY-Vorstandes zu treffen und die Projektzentren zu besuchen, um vor Ort eine Bestandsaufnahme der laufenden – von der DIG geförderten – Projekte zu machen, mit den Trainingskurs-Teilnehmer/innen zu sprechen und mich über Einzelheiten der von FERRY anvisierten neuen Projekte und die Zukunftsperspektiven zu informieren und zu diskutieren. Die Projektanträge für das folgende Geschäftsjahr (April – März), für deren Realisierung FERRY von der DIG Finanzmittel zu beantragen beabsichtigt, werden von FERRY vorher durch Umfragen und Erkundigungen auf Nachfrage, Durchführbarkeit und genügendes Einnahmenpotenzial für die erfolgreichen Teilnehmer hin geprüft und bei meinem Besuch diskutiert. Nach einer Plausibilitätsprüfung der Projekte und Einschätzung unserer finanziellen Möglichkeiten im Rahmen des FERRY-Spendenkontostandes meinerseits werden die endgültigen Projektanträge eventuell angepasst.
Diese Projektanträge werden von mir später an die Bundesgeschäftsstelle und unterstützenden Zweiggesellschaften mit meiner Empfehlung zusammen mit dem Bericht über meinen Besuch bei FERRY zur Durchsicht, eventueller Kommentierung und Genehmigung verschickt und anschließend die beantragte Summe auf das FERRY-Konto in Indien überwiesen.
FERRY’s Bilanz wird jedes Jahr von vereidigten Wirtschaftsprüfern geprüft und kann von Interessenten eingesehen werden.

Mein Besuch der FERRY-Projekte im Februar 2008
Projektzentrum RAMPURHAT im Distrikt Birbhum (ca. 200 km von Kalkutta)
In Rampurhat befindet sich das größte Trainingszentrum von FERRY, untergebracht in einem von der DIG finanziell unterstützten zweistöckigen Neubau. Hier laufen alle von uns geförderten Trainingskurse. Der Standort Rampurhat ist eine Kreisstadt mit einem Einzugsgebiet, wo Angehörige vieler Stämme und Minderheiten leben und eine überproportionale saisonale Arbeitslosigkeit dominiert. Hier liefen und laufen die erfolgreichsten Kurse wie für Schreiner, Elektriker, Elektroniker, Autoelektriker, ornamentale Stickerei, Maschinenstrickerei, Zweirad-Mechaniker, Lackierer, Hilfskrankenschwester etc. Viele Kursteilnehmer haben sich selbstständig gemacht.
Dieses Projektzentrum hat ein großes Einzugsgebiet, die Kursteilnehmer/innen kommen aus einem Umkreis von ca. 20 km. In den letzten Jahren haben hier einige hundert junge Männer und Frauen an zahlreichen Trainingskursen teilgenommen und üben ihre gelernten Berufe in ihren Heimatorten aus. Eine große Anzahl der ehemaligen Kursteilnehmer/innen hat regelmäßigen Kontakt zum Projektzentrum. Dieses Zentrum wird von dem Projektleiter und dem Projektassistenten sehr engagiert geführt und genießt große Zustimmung und Unterstützung von der lokalen Bevölkerung. Die FERRY-Kursteilnehmer/innen werden von ihnen beraten und in vielfacher Weise unterstützt. Hier funktioniert das kooperative Vertriebssystem, das den Frauen das ganze Jahr durch ein bescheidenes Einkommen ermöglicht. Die Projektleitung organisiert für die Maschinenstrickerinnen den Materialeinkauf (Wolle) und Vertrieb der Fertigprodukte und unterstützt sie beim Maschinenkauf, damit bestmögliche Konditionen erzielt werden; sie unterstützt sie auch beim Erlangen von Bankkrediten, wenn ein Teilnehmer sich selbstständig machen möchte.

Am 23.2.2008 besuchte ich dieses Projektzentrum in Begleitung von einigen Vorstandsmitgliedern, darunter FERRY’s neuem Geschäftsführer Nikhilesh Bhattacharya (ein junger Journalist bei einer bekannten englischsprachigen Tageszeitung in Kalkutta).
Im Projektzentrum konnte ich einige Veränderungen feststellen: Im Erdgeschoss wurden durch räumliche Aufteilung Möglichkeiten für zwei Parallelkurse geschaffen; im ersten Stock ist ein kleines Büro eingerichtet worden. Um die Räumlichkeiten optimal zu nutzen, lief der Schreinerkurs in den Abendstunden. Die Kursteilnehmer haben bereits einige Arbeitstische und Sitzbänke für das Projektzentrum gefertigt. Außerdem erledigen sie auch Kundenaufträge für den lokalen Markt.

Von den von der DIG geförderten Projekten möchte ich folgendes berichten:

Das zweistöckige Haus des Projektzentrums in Rampurhat befindet sich auf einem höher gelegenen Grundstück neben einem Teich. Da sich seit einiger Zeit deutliche Erosionsschäden und Risse am Ufer des Teiches zeigten, empfahlen örtliche Baufachleute dringend den Bau einer Betonschutzmauer vor dem Hausfundament, um die Stabilität des Hauses zu sichern.
Die Errichtung der Betonschutzmauer – die Finanzmittel wurden von uns im Rahmen des letzten Projektantrages zur Verfügung gestellt – und andere Baumaßnahmen – zum Teil von FERRY selbst finanziert – sind durchgeführt. Die beschädigte Außentoilette wurde abgerissen. Das Haus wurde seitlich zweistöckig erweitert. Im Parterre wurden für die Kursteilnehmer/innen zwei getrennte Toiletten errichtet; darüber fand ein bescheidenes Gästezimmer mit Bad Platz.
Die Möbel für das neue Gästezimmer wurden lokal gespendet. Das neue Gästezimmer bringt große Erleichterung für die betreuenden Vorstandsmitglieder aus Kalkutta oder auswärtige
Fachlehrer, die nicht selten von weit her kommen und dort im Hotel übernachten mussten. Eine Kostenersparnis kommt hinzu.
Bisher war die Wasserversorgung ein leidiges Thema. Letztes Jahr spendete das Ehepaar Mukherjee (DIG-Lübeck) Geld für einen Brunnen für das Projektzentrum. Wegen des absinkenden Grundwasserpegels ist das Geld nun für eine bessere Lösung mit verwendet worden. Jetzt kommt das Wasser (für einige Stunden am Tag) von der städtischen Wasserleitung, fließt in einen Tank auf dem Dach. Ein Leitungsnetz versorgt das Trainingszentrum mit fließendem Wasser. Durch die diversen Baumaßnahmen hat sich das Gesamtaussehen des Trainingszentrums verändert.

Während meines Besuchs liefen folgende neue Kurse:

Das personal- und sachkostenintensive, von der DIG im Rahmen des letzten FERRY-
Projektantrages finanziell unterstützte Großprojekt Krankenschwester- Assistenten-
Trainingskurs, in dem mehrere Ärzte, Krankenschwestern und Kliniken involviert sind, ist im
Januar angelaufen. Dieser Kurs war ursprünglich für 20 Personen konzipiert. Aber wegen großer Nachfrage wurden aus der Vielzahl von Kandidatinnen letztendlich 24 Teilnehmerinnen ausgewählt. Die Auswahlkriterien waren Bedürftigkeit, Eignung und Motivation der Kandidatinnen.
Hierbei soll nicht nur unterprivilegierten Frauen geholfen werden, ihnen und ihren Familien eine bescheidene Zukunftsperspektive anzubieten, sondern der Kurs soll auch dazu beitragen, die schlechte gesundheitliche Grundversorgung in den ländlichen Einzugsgebieten ein wenig zu mildern.
Wie vorgesehen, hat der ehemalige Chefarzt Dr. Sobhendranath Ghosh als Direktor die Kursleitung übernommen. Da er aus dem 200 km entfernten Kalkutta kommt, übernachtet er im neu errichteten Gästezimmer. Dr. Ghosh wird assistiert von drei erfahrenen Krankenschwestern. Neben Dr. Ghosh unterrichten noch zwei örtliche Ärzte abwechselnd. Die praktischen Fähigkeiten erwerben die Kursteilnehmerinnen bei einer örtlichen Privatklinik, die von einem der unterrichtenden Ärzte geleitet wird.
Jede Teilnehmerin bekam einen Sari als Uniform und ein Textbuch. Der Unterricht findet
wöchentlich fünf- bis sechsmal statt, und der Kurs soll sechs Monate dauern.
Der 8-monatige Maschinenstickerei-Kurs mit 24 Teilnehmerinnen begann im Februar
und läuft, in acht Gruppen aufgeteilt, an sechs Tagen in der Woche. Alle zwei Tage
bekommen die Kursteilnehmerinnen Gelegenheit, eine Stunde praktisch zu arbeiten.

Einige ehemalige Kursteilnehmerinnen des Maschinenstickerei-Kurses arbeiten zurzeit im Maschinenstickerei-Produktions-Projekt. Dieses wurde ins Leben gerufen, um den
ehemaligen Kursteilnehmerinnen, die sich selbst keine Maschine leisten können, die Chance zu geben, ein bescheidenes Einkommen zu erzielen. Die drei zusätzlichen Maschinen (zwei durch die Initiative von Frau Gisela Chakravorti von der DIG-Lübeck und eine vom Ehepaar Banerjee von der DIG-Wuppertal) waren eine große Hilfe für das Projekt.

Zusammen mit den Herren von FERRY und dem Projektleiter besuchte ich in einem Kleinbus vier ehemalige Kursteilnehmer/innen – eine Maschinenstrickerin, einen Schreiner, 2 Elektroniker / Autoelektriker – in den umliegenden Dörfern im Umkreis von ca. 9 km, um selbst mit ihnen zu sprechen und mich vor Ort über ihre jetzigen Tätigkeiten zu informieren.
Die von uns besuchte Maschinenstickerin hat mit günstigem Darlehen eine Maschine angeschafft, arbeitet zu Hause und hilft mit ihrem Verdienst der Familie. Der Schreinergehilfe arbeitet auf einer Baustelle unter einem Schreinermeister und fertigte einen Fensterrahmen. Die Bautätigkeiten nehmen auch in den Dörfern ständig zu. Die Elektroniker und Elektriker haben sich in kleinen Geschäften selbstständig gemacht, bauen Fernsehgeräte und Batterien zusammen, führen Reparaturarbeiten durch und verkaufen CDs und Kleingeräte. Bei schwierigen Aufträgen holen sie bei ihrem FERRY-Kurstrainer fachlichen Rat. Alle bestätigten, dass die FERRY-Kurse ihnen sehr geholfen haben.
Am Ende des Rampurhat-Besuchs führten wir mit vielen Teilnehmerinnen offene Gespräche über die Beweggründe ihrer Kursteilnahme und ihre Einschätzung der Zukunftsaussichten. Sie waren alle sehr motiviert und überzeugt, dass die Kursteilnahme ihnen gute Chancen bieten würde, ihrer Familie finanziell helfen zu können.

Feier des 25-jährigen Jubiläums im Projektzentrum BAIDYAPUR im Distrikt Burdwan
FERRY feiert dieses Jahr ihr 25-jähriges Bestehen. Als Gast wohnte ich am 24.2.2008 den
Feierlichkeiten zum Auftakt des 25-jährigen Jubiläums in Baidyapur bei. Diese fanden in einer Schule vor großem Publikum statt. Der komplette Vorstand von Ferry, viele aktive Mitarbeiter, Ehrengäste und Kursteilnehmer/innen waren anwesend. Nach der feierlichen Eröffnung gab es Vorträge, Diskussionen und kulturelle Beiträge – Gesänge, Musik und Volkstänze. Kursteilnehmer/innen des nah gelegenen Ferry-Projektzentrums bauten Ausstellungs- und Verkaufsstände auf und präsentierten ihre handwerklichen Erzeugnisse.
Ein gemeinsames Essen in einem Zelt gehörte auch zu dieser Jubiläumsfeier.
Die abschließende Hauptjubiläumsfeier findet voraussichtlich im Februar nächsten Jahres in RAMPURHAT statt.

Ein Schlusswort und eine Bitte
Bitte besuchen Sie doch einmal dieses Projekt, falls Sie bei Ihrem nächsten Indienbesuch in der Nähe sind. Ihr Besuch bei FERRY ist immer erwünscht und willkommen. Nach dem Besuch werden Sie vielleicht auch ein Freund und Förderer unseres Partnerprojekts in Indien.

FERRY-Hauptstelle in Kalkutta:
16 Central Park, Kolkata – 700032, Tel. 033-24256926, E-Mail: offog@vsnl.com
Nikhilesh Bhattacharya (Executive Secretary): Tel. 033-22473186 /
Mobile:09433187388
E-Mail: myshkinbhattacharya@gmail.com
Barendra K. Mallick
DIG-Wuppertal

01.06.2008

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